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Michael Lüscher, Fotos: Sébastien Anex

Blaise Duboux ist Winzer aus Leidenschaft. Sein Weingut liegt in den berühmten Rebbergen des Unesco-Weltkulturerbes Lavaux. Seine Weine produziert er möglichst naturnah. Sie verkörpern denn auch die grandiose Landschaft am Genfersee.

Reben bedecken den steilen, prall besonnten Hang hinunter bis zum Genfersee, der sich ausbreitet, als wäre er ein Meer. Stattliche alte Häuser drängen sich zu einem kompakten Dorf inmitten der Rebstöcke. Über dem gegenüberliegenden Ufer erheben sich Berge. Epesses heisst dieser traumhafte Ort, Lavaux die Gegend, die zum UnescoWelterbe gehörige Genferseeküste zwischen Lausanne und Vevey. Hier lebt Blaise Duboux und macht Weine, die so vielschichtig sind wie die Landschaft, in der sie entstehen. Der 53-Jährige wohnt mit seiner Familie in einem 500 Jahre alten Haus, er leitet den Familienbetrieb in 17. Generation, präsidiert die regionale Weinbauernvereinigung und ist Vorstandsmitglied der traditionsreichen Confrerie des Vignerons, die die grosse Fete des Vignerons vom nächsten Sommer in Vevey organisiert. Etablierter als Duboux kann man hier im Lavaux gar nicht sein. Zugleich macht er als Winzer so viel anders wie überhaupt möglich: Er betreibt seinen Weinbau biodynamisch, also nach den Prinzipien des biologischen Landbaus und des Anthroposophen Rudolf Steiner. Duboux hat die alte lokale Sorte Plant Robez wieder angebaut. Und er hat zu Versuchszwecken eine kleine Parzelle mit einer Neuzüchtung bepflanzt, die besonders resistent gegen Schädlinge sein soll. «Wir Winzer müssen uns fragen, wie wir unsere grosse Tradition lebendig erhalten können», sagt der Ingenieur der Önologie, der Weinherstellung. Gefragt sei keine Revolution, aber eine ständige Evolution. «Wir müssen immer weiterdenken.» Für ihn heisst das: so nahe wie möglich an der Natur sein.

«Der Weinbau ist eine Geschichte des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur», sagt Duboux. Darum seine Hinwendung zum biodynamischen Weinbau. Duboux spricht über die Rolle von Mondphasen beim Anbau und bei der Ernte der Trauben sowie beim Abfüllen der Weine. Möglichst viel der natürlichen Energie soll in den Wein fliessen. Länger als über Mondphasen spricht Duboux über den heissen, trockenen Sommer 2018. «Er war perfekt. Ich würde sofort unterschreiben, dass es zehn Jahre so bleibt.» Einziges Problem war eine Wespenplage - an einzelnen Lagen höhlten Wespen viele Früchte aus. Die Hitze sei im Übrigen kein Problem, mache die Weine nur unwesentlich süsser und damit alkoholreicher. Auch sei die Ernte nicht übermässig ausgefallen. Die Trockenheit sorgte hier für kleine Trauben.

Das Gebiet des Chasselas Neben kleinen Mengen Pinot noir, Chardonnay, Syrah, Merlot, Cabernet franc, Marsanne und Plant Robez baut Duboux vor allem Chasselas an. Mit dieser weissen Traubensorte hat er 80 Prozent seiner 5 Hektaren Rebfläche rund um Epesses bestockt. «Hier ist das Gebiet des Chasselas. Er gehört hierhin», sagt Duboux. Der Genfersee gilt als Ursprungsregion der Chasselas-Traube, und noch heute ist sie in der Waadt die meist angebaute Sorte. Chasselas, das war bis Ende des 20. Jahrhunderts, als die Schweizer Grenzen für Weissweine mit hohen Zöllen geschützt waren, der Schweizer Weisse schlechthin: der spritzige, säuerliche Wein vom Genfersee und aus dem Wallis, wo er Fendant heisst. Duboux macht aus seiner ChasselasErnte sechs verschiedene, nach Lage bezeichnete Weine. Mit leichten AperoTropfen haben sie wenig zu tun. Vor allem die Weine von besonders guten Lagen wie Calamin oder Dezaley erfreuen mit feiner Struktur und Kraft. Man kann sie bestens zum Essen trinken - zu Fisch und Meeresfrüchten wie auch zu exotischen Speisen. Der Dezaley Haut de Pierre Vieilles Vignes, Duboux' Top-Weisser, wurde dieses Jahr vom Weinmagazin «Vinum» mit 18 von 20 Punkten als bester Chasselas ausgezeichnet, worauf der Winzer mächtig stolz ist. Schon in der Gasse vor Duboux' Haus riecht es nach vergorenen Trauben. Drinnen im Keller noch viel stärker; ohne Entlüftung würden die Gärgase den Sauerstoff gefährlich verdrängen. Es ist eindrücklich, zu spüren, welche Kräfte die Trauben beim Gären wenige Tage nach der Lese entwickeln. In einem Holzfass voller zerquetschter roter Trauben rauscht es wie ein Bergbach, in einem Stahltank gurgelt und quillt der Saft bereits ausgepresster weisser Beeren wie trübes Wasser in einer Schlucht. Draussen auf der Sonnenseite des Hauses öffnet sich der traumhafte Blick auf den See und die Berge. Unmittelbar vor dem Sitzplatz liegt Duboux' Gemüsegarten mit für die Jahreszeit erstaunlich vielen vollreifen Tomaten. Und davor gleich der Rebberg mit den Trauben für den Calamin-Wein.

Die kräftige Oktobersonne des Jahres 2018 schirmen auf dem Gartensitzplatz die Blätter eines grossen Quittenbaums ab. «Den hat mein Grossvater gepflanzt», sagt Duboux. Er beginnt über das grosse Fest vom nächsten Jahr zu sprechen, die Fete des Vignerons. «Wir haben sie im Blut. Meine Grosseltern und meine Eltern haben mitgemacht, meine Partnerin und meine Kinder sind mit dabei», sagt er. In der «Schweizer Familie»-Ausgabe vom 13. September, die ich ihm mitgebracht habe, entdeckt er auf einem Bild vom Fest im Jahr 1977 seine Mutter. Duboux selbst ist zum dritten Mal mit dabei. Als Organisator ist er verantwortlich für die Produktion der Aufführung. Als Vorstandsmitglied der Confrerie wird er selbst in die Arena treten und dabei sich selbst spielen. Das Schauspiel dreht sich um die Arbeit der Winzer. Auf Duboux kommt deshalb 2019 viel zu, zumal die Arbeit des Winzers ja auch anfällt. «Man muss sich besser organisieren und disziplinierter arbeiten als sonst», sagt er. Er hat einen zusätzlichen Mitarbeiter nebst seinen zwei Angestellten für nächsten Sommer eingestellt. «Die Fete des Vignerons ist für mich wie ein Kalender. Sie ordnet das Leben», sagt Duboux. Er erinnert sich an das Fest von 1977, als er einen Bäckersbub spielte und ein weisses Eselfohlen an einem Strick hielt. 1999, als das letzte Fest stattfand, war das erste Jahr, in dem er in seinen Reben keinen Kunstdünger mehr einsetzte. «2007 habe ich dann begonnen, biologisch zu arbeiten, also auch auf chemische Pflanzenschutzmittel zu verzichten», sagt Duboux. «Man kann die Dinge nicht von heute auf morgen ändern. Es braucht Zeit.» Erst 2015 liess er seinen Betrieb bei Bio Suisse zertifizieren. Der Grund: Viele Weinbauern im Lavaux lassen ihre Reben wegen der Steilheit des Terrains von einem Helikopter aus gegen Krankheiten und Schädlinge besprühen. Wer konnte garantieren, dass Duboux' Reben am Rande der Parzellen nicht ein paar Tröpfchen Herbizide und Fungizide verpasst bekamen? Als das Bundesamt für Umwelt 2015 ein Verbot für das Ausbringen der Chemie aus der Luft ankündigte, stellten die Winzer auf natürliche Pflanzenschutzmittel um.

Neben Duboux betreiben nur 6 weitere Winzer im Lavaux biologischen Weinbau - von total 200. Viele würden immer noch mehr auf Quantität setzen - wenn auch niemals in dem Masse wie vor 20 oder 30 Jahren, so Duboux. Er hingegen erzeugt eine knappe Flasche Wein pro Quadratmeter, wofür er darauf 900 Gramm Trauben erntet. «Möglich wären ohne weiteres 1,5 Kilogramm», sagt er. Duboux ist Traditionalist, Neuerer und Aussenseiter. Und kantig wie sein dunkelroter, noch junger Wein aus der Plant-Robez-Traube. Dass er biologisch arbeitet, steht nicht auf den Etiketten. Wieso? «Ich arbeite nicht biologisch, um die Weine besser zu verkaufen, sondern um bessere Weine zu machen», sagt der Winzer. «Ausgewogene Weine», wie er mehrmals betont. Wieso aber verzichtet er auf ein einheitliches Erscheinungsbild und verkauft jeden seiner elf Weine mit einer komplett anderen Etikette? «Jeder Wein ist anders, darum braucht jeder seine Etikette.» So spricht einer, der sowieso alle seine Flaschen verkaufen kann.

 

WINZER-BRUDERSCHAFT

In der Confrérie des Vignerons sind die Weinbauern der Weinbauregionen Lavaux zwischen Lausanne und Vevey sowie Chablais, das sich bis ins Rhonetal oberhalb des Genfersees erstreckt, vereinigt. Eigentlicher Zweck der Bruderschaft, der ursprünglich nur Grundbesitzer angehörten, ist die Kontrolle der Arbeiten in den Rebbergen. Die im 17. Jahrhundert erstmals erwähnte Bruderschaft organisiert seit 1797 ungefähr einmal pro Generation die Fête des Vignerons zur Feier des Weinbaus.

Das grosste Winzerfest der Schweiz wurde von der Unesco als Kulturerbe aufgenommen und findet einmal pro Generation in Vevey statt. Rund eine Million Gaste werden am Fest der Superlative erwartet. Prachtige Umzüge und viele Veranstaltungen rundherum erzählen von der Kultur und Tradition des Weinbaus Die «Schweizer Familie» begleitet das Winzerfest mit verschiedenen Reportagen.

Die Tickets konnen unter www.starticket.ch oder via Tel 0900 325 325 (1.19 Fr /Min) sowie in allen Starticket-Verkaufsstellen bezogen werden.