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"Schweizer Weine können es an die Weltspitze schaffen"

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Alain Kunz

Lisa Perrotti-Brown, Chefredaktorin des «Wine Advocate» von Robert Parker, ist die mächtigste Frau der Weinwelt und Zürich war an diesem Wochenende der Nabel der Weinwelt. 

An zwei Tagen strömten über 2000 Weinfans ins Hotel Dolder Grand, um über 600 Weine zu degustieren, die 90 oder mehr Parker-Punkte erhalten haben. Wenn ein Wein das magische Punktemaximum von 100 erreicht, vervielfacht sich sein Preis automatisch. Deshalb ist Lisa Perrotti-Brown, Chefredaktorin des «Wine Advocate» von Robert Parker, die mächtigste Frau der Weinwelt. Die US-Amerikanerin sagt im BLICK-Interview, welche Weine sie privat trinkt, was sie von Schweizer Weinen hält und wie viel es kostet, Parker-Punkte zu kaufen.

Alain Kunz: Frau Perrotti-Brown, wo steht die Organisation von Robert Parker 2019 in der Weinwelt?

Lisa Perrotti-Brown: Wir sind einer der historischen Weinkritiker und sicher einer der wichtigeren. Vor allem im TopweinSegment. In den letzten Jahren haben wir die Zahl der Regionen stark erweitert, die wir bewerten. Total nehmen unsere neun Kritiker jährlich rund 40 000 Weine unter die Lupe.

Die Schweiz kam spät dazu, erst 2013. Warum dauerte es so lange, bis Sie merkten, welch tolle Weine wir hier machen?

Wir sind US-basiert. Und in den Staaten findet man eure Weine leider nicht. Wir konzentrierten uns lange auf jene Weine, die in den USA erhältlich sind. Mir war es aber ein grosses Anliegen, diesen Horizont zu erweitern.

Was halten Sie von unseren Weinen?

Die sind total aufregend! Stephan Reinhardt, der die Weine bewertet, entdeckt immer wieder Neues, stellt massive Fortschritte fest. Die Weine können es ganz an die Spitze schaffen. Schade nur, sind die Mengen so klein, dass ihr alles selber trinkt.

Sagen Sie das mit der Weltspitze aus Höflichkeit, weil Sie gerade in Zürich sind, oder denken Sie das wirklich?

Nein, echt: Wir haben zwei Walliser Süssweine mit 99 Punkten benotet. Jetzt zwei Pinot noir aus der Bündner Herrschaft mit 98 und 97. Die sind fantastisch!

Sie haben gesagt, die Schweiz sei der Nabel der Weinwelt. Wie meinen Sie das?

Wir stellen unter anderen in London, New York und Hongkong aus. Doch nur in der Schweiz dauert der Anlass zwei Tage, kommen über 2000 Weinfans. Nirgendwo sonst sind die Menschen derart gut über Wein informiert, haben solch eine Leidenschaft für Wein und geben pro Kopf soviel wie eine Flasche aus wie hier. Und die Schweiz liegt inmitten der bedeutendsten historischen Weinländer Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland und produziert selber hervorragende Weine.

Kann man Parker-Punkte kaufen?

(Lacht) Absolut nicht! Klar wissen wir, dass es einen Hype gibt und die Preise steigen, wenn ein Wein die magischen 100 Punkte erhält. Was wir andererseits bedauern, denn so fällt ein Wein aus dem Preisrahmen der Mehrheit der Weinfans. Aber wir sind absolut unbestechlich!

Welchen Wein trinken Sie am liebsten? Ich trinke das, worauf ich gerade Lust habe. Das kann ein Chardonnay, ein Riesling, ein Pinot noir, ein Cabernet, ein Merlot oder ein Syrah sein. Ich gehe in meinen Weinkeller, in dem ein absolutes Chaos herrscht, und schnappe mir das, worauf ich an diesem Abend gerade Lust habe. Das kann ein teurer Wein sein, aber auch ein Wein für 15 Franken.

Was ist der beste Wein der Lust?

Ui. Derjenige, den ich mir gerade in meinem Keller geschnappt habe ..

 

BILD: Manfred Klim

Lisa Perrotti-Brown (51) aus dem US-Bundesstaat Maine, ist Chefredaktorin des «Wine Advocate», der Publikation von Robert Parker, dessen Nachfolge sie 2013 antrat. Parkers Beurteilungen mit Punktevergabe sind die wichtigsten in der Weinwelt. Perrotti-Brown ist seit 2008 Master of Wine.