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Le Chasselas - Eine Rebsorte unverkennbar aus der Genferseeregion

Le Chasselas

 

Eine Rebsorte unverkennbar aus der Genferseeregion

 

Chasselas ist eine der am häufigsten angebauten Weissweintraubensorten der Welt, allerdings wird sie selten zu Chasselas-Wein vinifiziert. Man findet diese Sorte tatsächlich häufiger als Tafeltraube, als Traubensaft oder als Verschnitt in Weinen, in denen sie ihren Namen und ihre Seele verliert. Nur einige Regionen bilden da die Ausnahme. Hierzu zählen die Westschweiz und insbesondere der Kanton Waadt.

Man hat der Chasselasrebe lange eine exotische Herkunft nachgesagt und sie in ein Mysterium des Mittleren Ostens gehüllt: Ägypten oder Konstantinopel. Die Existenz einer gleichnamigen Gemeinde im Burgund hat ebenfalls die Spuren verwischt. Aber eine kürzlich durchgeführte genetische Studie zeigt, gestützt auf DNA-Marker, dass diese Rebsorte aus dem Genferseebogen stammt und wahrscheinlich aus dem Waadtland. Diese wissenschaftliche Argumentation wird durch eine empirische Beobachtung erhärtet: Die Herkunft einer Rebsorte ist in dem Land zu erforschen, wo ihr Anbau am weitesten verbreitet und die längste Tradition hat. Nun verspüren die Waadtländer seit langem eine exklusive Verbundenheit mit dem Chasselas und Leidenschaft für diesen Wein – er ist nahezu ein Kult.

Mehr noch als ein Wein ist er die Visitenkarte des Kantons, das magische Elixier der Region, ein konstituierendes Element des Kulturerbes. Daher verwundert es nicht, dass die Weinbauern sich bemühen, seine Quintessenz zum Vorschein zu bringen, und dass sie mit Hilfe des Know-hows, das sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, einen aussergewöhnlichen Nektar produzieren.

 

Subtil in einer harten Welt

In einer Welt, in dem kraftvolle und aromatische Weine bevorzugt werden, die alle Register ziehen, um sich durchzusetzen, bietet der Chasselas einen anderen Ansatz, der auf Finesse, Eleganz und Bekömmlichkeit beruht. Denn tatsächlich ist Chasselas eine diskrete Rebsorte, die im Wesentlichen frische Weine mit geringem Alkoholgehalt hervorbringt: Die Waadtländer sprechen gern von einem süffigen Trinkwein, der den Gaumen nicht ermüdet. Dennoch wäre es falsch, ihn als minderwertig zu betrachten. Zwar gehen ihm Überfluss und Opulenz ab, doch spielt er mit Bravour mit so wunderbaren Attributen wie Subtilität und Nuance.

Er ist ein perfektes Beispiel für « Kraft durch Ruhe ». Nichts für Gestresste und Ungeduldige: Der Chasselas erschliesst sich nur denjenigen, die sich die Zeit nehmen, ihm zuzuhören. Durch seine relative Neutralität meistert er die Kunst, das Terroir sprechen zu lassen, auf dem er gewachsen ist. Diese Fähigkeit, die grosse Varietät der Böden aufzugreifen, erklärt die unterschiedlichen Charaktere, die er annehmen kann. Wo ein dominierendes Aroma-Merkmal die anderen Aromen verdecken würde, enthüllt der Chasselas die ganze Komplexität der geschmacklichen Komponenten. Er lädt zu einer Geschmacksreise ein und beschwört dabei seine Heimatlandschaft herauf, die sonnenbeschienenen Terrassen oder die sanften Hügel, die spiegelglatte Fläche eines Sees oder das Glitzern eines Wasserlaufs. Doch nicht nur seine Verbundenheit zum Terroir wird offenbar, auch das Know-how und die Persönlichkeit seines Winzers kommen zur Geltung.

Der Chasselas ist mehr als ein Produkt zum Konsumieren, er ist der Inbegriff einer Kultur und Lebensart.

 

Ein Wein für die Gastronomie

Der Chasselas ist der perfekte Begleiter zu geselligen Anlässen mit Freunden im Bistro oder im Carnotzet – ein Konversationswein. Traditionsgemäss, fast schon als Atavismus, kann es sich der Waadtländer übrigens nicht vorstellen, etwas anderes zum Aperitif zu trinken. Auch wenn der Chasselas in dieser Rolle von unvergleichlichem Wert ist, so tut man ihm unrecht, würde man ihn auf sie beschränken. Denn er eröffnet ungeahnte Perspektiven in der Gastronomie, wie dies grosse Sterneköche gern bestätigen, die ihn ohne zu zögern zu den verschiedensten Gerichten empfehlen.

Aus geografischer Solidarität heraus wird er zu Eglifilets oder regionalen Käsespezialitäten serviert: Fondue, Raclette, Malakoffs. Doch dies lässt sich noch problemlos ausweiten: Abhängig von Terroir und Jahrgang zeigt der Chasselas zahlreiche unterschiedliche Charaktere und offenbart manchmal unerwartete, doch immer köstliche Aromaakkorde. Er passt hervorragend zu Fischen aus den Seen und Flüssen, Lachsforelle, Saibling oder Hecht. Etwas würziger unterstreicht er auch das Aroma einer Rotbarbe, eines Wolfsbarschs oder eines Seeteufels, die ruhig an einer etwas pikanteren Sauce serviert werden dürfen. Einige Chasselas-Weine haben eine leichte Jodnote und passen sogar zu Austern, Langustinen oder Hummer.

Im Kombination mit Geflügel oder gebratenem Kalbsfleisch entsteht eine erstaunliche Allianz: Auch wenn er eine gute Struktur aufweist, versteht es der Chasselas, sich eine Zartheit zu bewahren, die das Gericht aufwertet, denn er teilt seinen kraftvollen Ausdruck, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Für alle, die gerne etwas Neues ausprobieren, ist das Zusammenspiel zwischen einem Wein mit recht mineralischem Charakter und einem Rindstatar überraschend, aber grossartig.

Und schliesslich erreichen ein über zehnjähriger Chasselas und ein gereifter Gruyère oder ein Mont d’Or mit cremiger Konsistenz eine überwältigende Harmonie: Hier kann man von einer Symbiose, sogar von einer Verschmelzung sprechen.

 

Ein Wein zum Lagern

Vollmundig, perfekt um den Appetit oder eine Diskussion anzuregen – der Chasselas wird (zu) oft bereits im Produktionsjahr getrunken, obwohl er sein volles Potenzial erst nach zwei bis drei Jahren erreicht. Kenner wissen jedoch, dass vor allem die Weine aus guten Jahrgängen, die den besten Terroirs entstammen, ein grosses Alterungspotenzial besitzen. Nach zehn oder zwanzig Jahren oder sogar noch längerer Lagerzeit verändert der Chasselas sein Aromaprofil von Grund auf, um ein erstaunlich kräftiges und zugleich sanftes Bouquet sowie eine unglaubliche Palette an Sekundär- und Tertiäraromen zu entfalten: Honig, Caramel, reife Früchte, getrocknete Aprikose, Zimt, milder Curry, Haselnuss, geröstete Mandeln, Unterholz, Trüffel…

Man muss ihn dekantieren, damit sich sein Zauber entfalten kann: Und dann kann er es dank seiner Geschmeidigkeit und seiner Komplexität mit den renommiertesten Weinen aufnehmen. Der entscheidende Unterschied – sozusagen das Erkennungszeichen der Rebsorte – wird durch eine bemerkenswerte Frische erzeugt, die ihm eine aussergewöhnliche Ausgewogenheit verleiht. Das Zusammenspiel eines älteren Chasselas mit einem reifen Käse ist geradezu sagenhaft. Doch er ist auch ein Meditationswein, der allein, geradezu andächtig, genossen werden kann und dabei die Erinnerung an das Land, die Menschen und die Jahreszeiten, die aus ihm ein Meisterwerk gemacht haben, heraufbeschwört.