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Eine Welt für sich

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Wolfgang Fassbender

Auf der ProWein 2019 lüfteten die Schweizer Aussteller das Geheimnis ihrer Rebkultur – zumindest ein bisschen.

Es gibt den gern erzählten Witz vom alles kontrollierenden Staat, der in Wirklichkeit gar nicht existieren kann. Schliesslich müsste dieser Moloch in einem solchen Falle ja hinter jeden einzelnen Einwohner nochmals einen Polizisten stellen, was rechnerisch unmöglich ist. Im Falle der Weinschweiz geht es nicht um Fehlverhalten und Kontrolle, sondern eher darum, dass man eigentlich hinter jeden Wein einen Winzer stellen müsste. Allein schon deshalb, um die enorme Vielfalt der eidgenössischen Getränkekultur zu erklären! Wer weiss denn schon, ausserhalb der Landesgrenzen, was Humagne Blanc ist, wo die Petite Arvine gedeiht und dass Schweizer Rotweine nicht nur aus Pinot Noir gekeltert werden, sondern auch aus Gamaret oder Diolinoir, aus Syrah und Merlot?

Geheimnisvolle Sorten in weiss und rot

Ein Wein-Winzer-Verhältnis von eins zu eins war zwar in Düsseldorf nicht ganz hinzubekommen, aber immerhin hatten sich zahlreiche Erzeuger aus allen Gegenden der Schweiz eingefunden, um ihre Weine vorzustellen. Die ProWein ist schliesslich nicht irgendeine Verkaufsveranstaltung, sondern gilt längst als wichtigste Weinmesse der Welt. Rund 61.500 Besucher waren in diesem Jahr vor Ort, waren aus 142 Ländern angereist, konnten sich die Programme von über 6900 Ausstellern anschauen. Gewiss, die Schweiz war nur eine Nation unter nicht weniger als 64 vertretenen Weinbauländern, aber doch eine, die mit besonders spannendem Angebot Eindruck schinden konnte. Natürlich mit dem Chasselas, jener weissen Sorte, die wie keine andere den Ruf des Landes geprägt hat. Neugierige konnten ihn auf der Messe verkosten, aus dem Waadtland stammend, in Neuchâtel angebaut oder im Wallis abgefüllt; über die unterschiedlichen Bezeichnungen wurden sie quasi nebenbei informiert. Fendant, so erläuterte ein Winzer einem noch weitgehend ahnungslosen Neugierigen, sei einfach eine traditionelle Bezeichnung für Chasselas aus dem Wallis – und Gutedel der in Deutschland gebräuchliche Begriff für ein und dieselbe Sorte. Man konnte als neutraler Beobachter förmlich zusehen, wie der solchermassen aufgeklärte Kunde einen ersten Zipfel jener Decke zu lüften begann, die traditionell viele Geheimnisse des Schweizer Weines verbirgt. Und als er den Savagnin verkostete und lernte, was dieser mit Gewürztraminer zu tun hat, schlüpfte er vollends hinein in die Welt der Schweizer Weine. 

International und unverwechselbar: Genf, Tessin und Wallis

Eine Welt, in der freilich nicht nur die autochthonen Sorten, die Kuriositäten, ihren Platz haben, sondern in der es auch um international bekannte Klassiker geht. Viognier, Sauvignon Blanc und Chardonnay verbindet etwa eine Genfer Kellerei zu einer faszinierenden Assemblage, und was die Tessiner aus Merlot machen können, bewiesen gleich mehrere Erzeuger aus dem sonnigen Süden der Schweiz. Merlot ist ja nicht einfach Merlot, sondern kann weiss daherkommen – die Trauben werden unmittelbar nach der Ernte gekeltert, weshalb die Farbe der Schalen nicht in den Most gerät –, eher mittelrot und fruchtig oder, nach langer Maischestandzeit und intensivem Ausbau im Holzfass, dunkel und intensiv. Auch so was erklärten die Winzer, die sich hinter den Ständen der Schweizer Gemeinschaftsausstellung platziert hatten, aber auch gern mal nach vorne kamen: Ohne Barriere lassen sich Geheimnisse halt noch ein bisschen lüften. Erst recht jene, die mit den ausgeschenkten kostbaren Prestigeweinen zu tun hatten. Die Highlights wurden nicht unter der Theke verborgen, wie es anderswo auf der ProWein üblich gewesen sein mag, sondern offen und mit Stolz präsentiert. Ein legendärer Merlot aus dem Tessin, der längst zum Exportschlager geworden ist, oder zwei der teuersten und imposantesten Roten des Wallis. Der eine jener beiden wird von einer Genossenschaft erzeugt, die einen grossen Namen trägt und eine Fülle an Linien vermarktet, der andere von einem kleinen, feinen und neugierigen Projekt. Solche Spitzenweine, in kleinen Mengen erzeugt und über exklusive Kanäle vertrieben, tragen entscheidend dazu bei, den Ruf des Schweizer Weines noch weiter zu stärken.

Ein Ausblick auf das Jahr 2020 

Noch bevor die Prowein 2019 endete, wurde das Datum der nächsten Ausgabe bekanntgegeben. Vom 15. bis zum 17. März 2020 wird es auch, das dürfte schon heute klar sein, wieder einen Gemeinschaftsstand Schweiz geben. Gut möglich, dass dann auch ein paar Winzer und Weingüter mit von der Partie sein werden, die 2019 noch nicht vertreten waren, dass ausser jüngeren Jahrgängen auch Raritäten das Reifepotenzial der Schweiz andeuten. Ganz sicher allerdings dürften auch im kommenden Frühjahr wieder zahlreiche neugierige Besucher an den Ständen vorbeigehen; hundertprozentig werden Winzer aus aller Welt, Weinhändler und Weinjournalisten verblüfft rote Neuzüchtungen und Assemblages verkosten und herausfinden, wie sich Blauburgunder vom Bielersee von dem unterscheidet, der in Schaffhausen oder in der Bündner Herrschaft wächst. Um die vielen auftretenden Fragen zu beantworten, um wirklich alle Geheimnisse des Schweizer Weines zu lüften, müsste man allerdings auch 2020 mehrere Winzer an einen Stand stellen, am besten hinter jeden Wein einen. Die Schweiz arbeitet daran!