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"Ich kaufe in der Schweiz ein"

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Artikel aus der Schweizer Illustrierte/ Texte: Werner de Schepper et Michel Jeanneret

Bundesrat Guy Parmelin will, dass wir mehr einheimische Produkte konsumieren. Im Interview zum neuen Jahr outet sich der gelernte Bauer als Ökologe der ersten Stunde: «Ich heize mit Pellets und fahre privat kaum Auto.»

Bundesrat Guy Parmelin braucht keine Menukarte. «Ich empfehle euch wärmstens die Saucisson vaudois mit Lauchgemüse», sagt der Waadtländer und bestellt für sich eine Zwiebelsuppe und ein Wienerschnitzel. «Mit Fleisch aus der Schweiz!» Das «Zimmermania» in der Brunngasse ist eine seiner Lieblingsbeizen in Bern. «Es ist schnörkellos bodenständig.» Zum Essen bestellt er einen Waadtländer Chasselas-Weisswein aus Yvorne und einen Pinot noir aus St-Saphorin.

Herr Bundesrat, Sie trinken Schweizer Wein und essen Schweizer Fleisch. Ist das nicht langweilig? 
(Lacht.) Nein, ich esse doch ein Wienerschnitzel, also eine österreichische Spezialität. Aber im Ernst: Natürlich ist mir das wichtig. Als Konsument wie als Landwirtschaftsminister. Wenn es geht, sollte man Produkte aus der Region essen und trinken. Das ist ökologisch sinnvoll und gut für unsere Bauern. Es stört mich, dass es zum Beispiel in Zürich und in der Ostschweiz viele Restaurants gibt, in denen man alles, aber keinen Schweizer Wein trinken kann.

Und was tun Sie als Landwirtschaftsminister dagegen? 
Ich habe die Grossverteiler zusammen mit der Branchenorganisation an einen Tisch gebeten, damit sie mehr Promotionen mit Schweizer Wein machen. Aktionen mit dem Schweizerkreuz etwa. Für solche Werbemassnahmen sprechen wir auch Geld, wenn die Branche mitzieht und alle rechtlichen Bestimmungen erfüllt sind.

Und daheim keine ausländischen Tropfen? 
Doch! Ich habe schon sehr früh Bordeaux-Weine gekauft, ich schätze sie sehr. Nun sind die Preise explodiert. Für mich muss das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen, auch beim Schweizer Wein. Es gibt so viele gute Schweizer Weine zu fairen Preisen, dass ich nur selten auf ausländische zurückgreifen muss.

Wäre es nicht super, wenn die Pestizidverbots-Initiative beim Volk durchkäme oder die Trinkwasser-Initiative – dann wäre jeder Wein und jedes Gemüse pestizidfrei! 
Nein, das wäre eben nicht gut. Denn dann gäbe es nur noch Biowein, den ich zwar sehr schätze, der aber für viele Schweizer zu teuer wäre. Ich prophezeie Ihnen, dass die Schweizer massenhaft im benachbarten Ausland ihren Wein einkaufen gehen. Das ist doch keine Lösung.

Was ist dann die Lösung? 
Um im Weinbau weniger Pflanzenschutzmittel zu brauchen, müssen wir resistente Sorten züchten. Damit reduzieren wir den Einsatz von Kupfer, das auch im Biolandbau eingesetzt wird. Agroscope ist weltweit führend in der Züchtung von pilzresistenten Sorten. Auch die Trinkwasser-Initiative ist nicht der richtige Weg. Viele Gemüsebauern würden freiwillig auf die Direktzahlungen verzichten, um weiter Pflanzenschutzmittel einsetzen zu können. Direktzahlungen sind dort nur ein kleiner Teil des Einkommens. Dank Direktzahlungen haben wir eine Kontrolle, welche und wie viel Pflanzenschutzmittel sie einsetzen. Vergessen Sie nicht: Konsumenten wollen mehrheitlich schöne Früchte und schönes Gemüse kaufen.

Aber einige Winzerfamilien Parmelin produzieren doch hervorragenden Biowein. Sie selber haben schon sehr früh darauf geachtet, möglichst ohne Pestizide auszukommen. 
Das stimmt. Wir benützen keine Insektizide mehr. Und in unserer Region geht das auch. Aber ich möchte nicht, dass wir in der Schweiz nur noch teure landwirtschaftliche Produkte herstellen und alles andere dann aus dem Ausland kommt.

Trotzdem: 2019 war das Jahr der grünen Welle. Hat Sie das ökologische Feuer nicht erfasst? 
Ich habe nicht darauf gewartet. Ich war stets sehr ökologisch. Als wir 1971 unser Haus gebaut haben, wurde noch mit Öl geheizt – was für eine Energieverschleuderung! Wir erneuerten alle Fenster, isolierten Dach und Fassaden, installierten Photovoltaik und heizen mit Pellets. Ich betone gern, dass meine Frau und ich all unsere Einkäufe in der Schweiz machen – und zwar möglichst im Dorf oder in der näheren Umgebung. Mein Privatauto brauche ich kaum. Wer mir eine Lektion erteilen will, muss es erst besser machen. Ich esse auch nicht täglich Fleisch. Alles mit Mass ist das Beste.